„Vieles hat mich sehr berührt“
16.01.2012
Alexandra Erle über ihre Forschung zur Griesheimer Kirchengeschichte
Seit 150 Jahren gibt es eine selbstständige evangelische Gemeinde in Griesheim. Das Jubiläum feiert die Evangelische Kirchengemeinde Frankfurt am Main-Griesheim mit einer Reihe von Veranstaltungen.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zu "150 Jahre evangelische Gemeinde in Griesheim“ findet am 27. Januar, um 20 Uhr, im Gemeindehaus, Am Gemeindegarten 6a, ein Festabend statt. Alexandra Erle berichtet an diesem Abend über die Entstehungsgeschichte der Kirchengemeinde Griesheim.
frankfurt-evangelisch.de sprach mit ihr über ihre Forschungsarbeit und ihre Ergebnisse.
Frau Erle, haben Sie viel Staub einatmen müssen bei Ihrer Suche nach alten Dokumenten?
Viel Staub einatmen musste ich nicht. Denn mein Elternhaus hat mir die besten Voraussetzungen für diese Aufgabe mitgegeben. “Weißt du eigentlich, dass dein Ur-Ur-Ur-Großvater Bürgermeister von Griesheim war?”, erzählte mir mein Vater schon bei Spaziergängen als Kind. Er war es auch, der sich für Geschichte, insbesondere für die Griesheimer Geschichte interessierte und er sammelte sämtliche Schriften, die er darüber fand. Ein besonderer Schatz ist die Abschrift der alten Kirchenchronik unserer Gemeinde. Ich bin also einfach an das Bücherregal gegangen und habe geschmökert. Geplant hatte ich das so nicht, denn ich dachte immer, das hätte Zeit. Die Geschichte kann ja nicht weglaufen.
Angefangen habe ich deshalb jetzt, weil meine Mutter als Vorsitzende des Kirchenvorstandes zu 120 Prozent in das Gemeindegeschehen eingebunden ist. Da bekommt man schon mit, welche Themen gerade anstehen. Als es dann darum ging, wie man das 150-jährige Jubiläum begehen soll, hatte man die Idee eine Festschrift zu erstellen, dazu gehört auch ein Beitrag über die Geschichte der Kirchengemeinde. Man findet in Frankfurt selten einen “echten” Frankfurter, und so ist es auch bei uns im Kirchenvorstand. Wer hat schon Wurzeln in Griesheim? Es wäre schon sehr unverschämt gewesen, diese Aufgabe nicht zu übernehmen.
Vor 150 Jahren wurde die Kirchengemeinde in Griesheim selbstständig. Warum kamen so viele Evangelische Nach Griesheim?
Nein, die Frage ist so nicht ganz richtig. Griesheim war schon etwa 300 Jahre evangelisch, denn mit der Reformation 1554 wurde der damalige Landesherr, der Graf von Hanau, evangelisch und deshalb auch seine Untertanen in Nied und Griesheim. Es gab zu dieser Zeit nur evangelische Bürger in diesen Dörfern. Die Evangelischen kamen also nicht nach Griesheim, sondern die Griesheimer wurden evangelisch.
Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass seit den Anfängen unseres Dorfes Griesheim immer schon Filiale des Kirchspiels Nied war. Die Kirchengeschichte Griesheims bis zur eigenen Gemeinde 1861 ist also auch die Kirchengeschichte von Nied.
Haben Sie bei Ihren Recherchen viel Neues herausgefunden?
Ja, vieles war zumindest neu für mich und vieles hat mich auch sehr berührt. Neu für mich waren die alten Strukturen und Regierungsformen. Ich musste mir selbst erst mal klar machen, was es bedeutet, wenn es heißt: „Griesheim war jetzt unter der Doppeltherrschaft von Mainz und Hanau.” Wie kann ein Dorf zwei rivalisierenden Ländern gehören?
Die großen geschichtlichen Ereignisse, die sich in Deutschland abspielten, kennt man so halbwegs aus dem Geschichtsunterricht in der Schule. Was mich sehr berührt hat, ist zu erfahren, welche einschneidenden Auswirkungen sie hier in Griesheim hatten. Zum Beispiel Napoleon. Er war nicht irgendwo, er kam mit seiner geschlagenen Armee durch Nied und Griesheim. Es finden Kämpfe statt, Griesheim wird 1812 vollkommen zerstört. Oder im dritten Reich: Nicht irgendwer wird verfolgt, es waren unsere Pfarrer in Griesheim, die abgeführt und Verhören unterzogen wurden und und und...
Aber auch zu lesen, wie erbittert der Machtkampf zwischen den Katholiken und Evangelischen stattfand, empfand ich immer wieder als sehr befremdend.
Da sind wir heute zum Glück erheblich weiter.
Aber geschmunzelt habe ich auch, wenn man Dinge liest, die auch heute Gültigkeit haben. Schon vor hundert Jahren wird über Sonntagsarbeit und die Laster durch die nahe Großstadt berichtet, die die Gemeindemitglieder vom Gottesdienst abhalten.
Und wie sehen Sie die Zukunft der Kirchengemeinde? Wird sie schrumpfen oder wachsen?
Wer kann schon in die Zukunft schauen? Wenn man die demografische Entwicklung betrachtet, kann man davon ausgehen, dass die Gemeindemitgliederzahlen weiter zurückgehen.
Lassen sie es mich mal so sagen: Was heißt schrumpfen oder wachsen? Das ist doch nicht nur abhängig davon, wie viele Mitglieder die Gemeinde hat. Ich vertraue in Gott darauf, dass die Gemeinde wächst. Sie wird wachsen im Glauben und in ihrer Gemeinschaft. Gerade in schlechteren Zeiten sind Menschen darauf angewiesen für einander dazu sein, sie werden den Reichtum des Glaubens suchen und finden und dann wird die Gemeinde wachsen.
Alexandra Erle, 49, arbeitet bei einem großen Lebensversicherungsunternehmen in Oberursel. Sie lebt in Griesheim und engagiert sich im Redaktionsteam des Gemeindebriefs.
Interview: Carla Diehl
Weitere Informationen unter www.griesheim-evangelisch.eu